Geschichte des Krankenpflegefördervereins Neckarwestheim

1904-1982 - Zusammengestellt nach Akten der Ev. Kirchengemeinde von Gottlob Geißler. (Abschrift aus dem Amtsblatt von Neckarwestheim, Freitag, 5. März 1982)

 


"Die Hilfe für den Nächsten und Kranken war schon zu allen Zeiten ein christliches Gebot der Kirchen. Aus diesem Verständnis heraus kommt auch der Anstoß zur Einrichtung einer örtlichen Krankenpflegestation in Neckarwestheim von der Kirche.

 

[Die Vorüberlegungen 1904-1912]


In einer Sitzung des Kirchengemeinderats im Jahre 1904, wurde bestimmt, das Opfer des Himmelfahrtfestes dem Diakonissenhaus in Stuttgart zukommen zu lassen. Aus diesem Anlass brachte der Dekan die Anregung, in Neckarwestheim eine Diakonissenstation einzurichten. Man beschloss jedoch, die Sache noch etwas hinauszuschieben. Damit sollte Zeit gewonnen werden, wie diese Frage gelöst werden kann. Die allgemeine, grundsätzliche Ansicht des Kirchengemeinderats war, dass die Krankenpflegestation als eine Einrichtung der Kirche betrieben werden sollte.


Am 22. Februar 1904 wurde beschlossen, einen Diakonissenfonds einzurichten. Es galt also zunächst, für das Vorhaben eine gesicherte finanzielle Grundlage zu schaffen. Der Fonds wurde von der Kirchenpflege verwaltet. Aus Restmitteln der Kirchenpflege wurden als Gründungsbeitrag am 1.4.1905 zunächst 800 Mark zur Verfügung gestellt. Auch das jährliche Opfer der Erntebetstunde und an Sylvester sollte dazu verwendet werden. Allmählich kamen durch Opfer, Sammlungen und private Spenden ein ansehnlicher Betrag zusammen. Aus den privaten Spenden soll eine genannt werden, weil sie außergewöhnlich hoch war. Der Spender Gottlieb Zeeh, der hier geboren, nach Eustis in Nebrasca, USA, ausgewandert war, übermittelte im Februar 1909 eine Spende von 2000 M. Auch ein bis 1906 bestehender Viehversicherungsschein hat bei seiner Auflösung einen Teil seines Restvermögens im Betrag von 59,04 M für diesen Zweck gespendet.


Es dauerte allerdings noch bis zum Jahre 1911, um an die Einrichtung einer Krankenpflegestation ernsthaft zu denken. Beim Bau der Kinderschule 1911 bot der Kleinkinderpflegeverein als Bauherr den Einbau für eine Wohnung der künftigen Krankenschwester mit an. Der Mietzins sollte im Jahr 100,- M betragen. Wegen der künftigen Krankenschwester wandte man sich an die Ev. Diakonissenanstalt in Stuttgart.


Im Dezember 1911 teilte die Anstalt aus Stuttgart mit, dass eine Schwester parat stünde, sobald die Wohnung und Einrichtung bereitgestellt sei. Die Diakonissenstation Neckarwestheim begann ihre Tätigkeit in der zweiten Hälfte des Monats Januar 1912. Der Jahresbeitrag wurde auf       1,- M im Jahr festgesetzt.

 

[Die Jahre mit und zwischen Krieg, Inflation und Neubeginn 1912-1952]


Der Status der Einrichtung war noch im Jahre 1913 umstritten. So wollte man zunächst den Fonds und die Rechnung gesondert von der Kirchenpflege führen. Eine zu bildende Kommission sollte die Krankenpflegestation verwalten. Diese Art war rechtlich umstritten, und auch die kirchliche Aufsichtsbehörde hatte einige Bedenken. Nun wurden zwei Möglichkeiten erwogen: entweder die Krankenpflege als Sache der Kirche zu betreiben oder einen besonderen Verein zu gründen.


Da man den kirchlichen Charakter erhalten wollte, entschied man sich, die Krankenpflegestation in die Verwaltung der Kirchengemeinde zu übernehmen. Dies wurde dann auch so von der kirchlichen Aufsichtsbehörde genehmigt. Kaum war die Station so richtig eingearbeitet und die Bevölkerung an die Hilfe der Krankenschwester gewöhnt, da kam auch schon die erste Schwierigkeit. Im Vertrag mit der Ev. Diakonissenanstalt war ein Passus, dass die vertragliche Zuverfügungstellung einer Schwester im Kriegsfalle, wenn die Schwester einberufen würde, nicht mehr gilt.

 

Und so kam es gleich 1914, zu Beginn des Krieges. Die Schwester erhielt eine Einberufung in ein Res. Lazarett nach Heilbronn. Ohne Schwester, Ersatz gab es nicht, stellte die Station ihre Arbeit ein. Erst am 9. Januar 1917 kam die Schwester Rosine Schwander wieder nach hier zurück. Die Krankenpflegestation war jetzt wieder besetzt und nahm die Arbeit auf.


Die nachfolgenden Inflationsjahre 1919-1923 brachten laufend finanzielle Schwierigkeiten. Die laufende Anpassung der Einnahmen und Ausgaben ließ am Anfang noch einen ordentlichen Haushaltsausgleich zu. Dazu trugen auch die vielen Spenden ausgewanderter Neckarwestheimer aus USA bei. Auf der Höhe der Inflation übernahm die bürgerliche Gemeinde Personalkosten. Die Schwester war besonders betroffen, weil selbst am Ende die Millionen nicht genug zum Leben waren. Sie erhielt vielfach Hilfe aus den bäuerlichen Familien des Ortes. So stellte nach dieser Zeit der Kirchengemeinderat für die Krankenpflegestation fest, dass man gerade noch über die Runden gekommen sei.


Der Mangel an Geld und damit die laufenden Defizite ziehen sich wie ein roter Faden über alle Jahre des Bestehens dieser Einrichtung hinweg. Bei den Einnahmen waren die Beiträge der Mitglieder relativ immer zu nieder und passten sich dazu dann noch verspätet an.


Beiträge von Dritten gab es schon von Anfang an. So sind Beiträge der Amtskörperschaft (Oberamt) bis 1926 festzustellen. Auch die Landesversicherungsanstalt gab schon solche ab 1913. Beteiligt hat sich auch die bürgerliche Gemeinde durch Beiträge von anfänglich 100 Mark, die sich im Laufe der Zeit steigerten. Sie betrugen 1950 400,- DM und steigerten sich bis 1963 auf 1.500,- DM. Erster und letzter Träger der Defizite war dann immer die Kirchengemeinde.


Die Entwicklung der Mitgliederbeiträge zeigt folgendes Bild:


1912 1 Mark
1924 2 RMark
1943 3 RMark
1950 3 DM
1953 4 DM
1961 5 DM
1962 7 DM
1966 10 DM
1974 30 DM


Dies sind Jahresbeiträge, die das oben Angeführte bestätigen. Der Krankenpflegeverein war kein Verein im üblichen Sinne. Wer den Jahresbeitrag bezahlte, war Mitglied. Der jeweilige Pfarrer war der Vorsitzende und der Kirchengemeinderat im Bedarfsfalle als Ausschuss tätig.

 

[Jahre der Veränderung 1952-1982]


War die finanzielle Seite noch immer erfolgreich geregelt worden, so gab es 1952/53 neue Probleme. Ein Mangel an Schwestern zeichnete sich ab. Die hier tätige Schwester erkrankte und musste im Nov. 1952 nach ärztlicher Verordnung längere Zeit aussetzen. Was anfänglich nach einer begrenzten Zeitdauer aussah, zeigte bald, daß die Schwester trotz ihres Wollens den Dienst nicht mehr ausüben konnte. Kurzfristig konnte für einige Monate die hier wohnhafte Schwester Pauline Geißler den Dienst übernehmen, ehe sie am 1.5.1953 ihren neuen Dienst beim Krankenhaus in Lauffen antrat.
Am 8. Juni 1953 konnte, vom Mutterhaus in Stuttgart zugewiesen, Schwester Margarete Häfner den Dienst hier antreten. Die Arbeit in der Station nahm wieder ihren geregelten Verlauf. Schon in allen früheren Jahren machte sich bei älteren Schwestern der große Höhenunterschied im Ort bemerkbar, das heißt, er erschwerte den Dienst sehr.


Bei Schwester Margarete waren es die in jahrzehntelanger Belastung der Beine zu tragenden Beschwerden, die ihr das Gehen erschwerten. Fußmärsche über fast 60 m Höhenunterschied bei 1000 m waren einfach nicht mehr möglich. Es hätte das Ende der Arbeit bedeutet. Da wurde ihr ein Moped zur Verfügung gestellt. Mit Freuden konnte sie dann weiterarbeiten. Ihre Erscheinung auf dem Moped gehörte zum vertrauten Bild des Dorfes.


Einige Angaben zur Tätigkeit der Schwester in dem Jahre 1960:


Gepflegte Kranke    389
Sogenannte Stundenpflege 3.776
Erste Hilfe    15
Mütterberatung / Impfen 23 Stunden
Zahl der Mitglieder  315


Nachdem mit Hilfe des Mopeds die Schwester noch viele Jahre ihren Dienst versehen konnte, musste sie 1966 in den Ruhestand.


Die Diakonissenanstalt konnte aus Mangel keine Schwester mehr stellen. Auch anderweitige Versuche hatten keinen Erfolg. So mußte der Betrieb der Krankenpflegestation eingestellt werden. Dieser Zustand ging bis 1974.
Die Einwohner, ihre Schwester gewohnt, empfanden dies als eine Not. Um etwas zu unternehmen und diese Notlage abzuhelfen, veranstaltete man im Oktober bis Dezember 1970 und noch einmal im Januar - Februar 1974 jeweils ein Krankenpflegeseminar. Etwa 30 bis 35 Frauen und Mädchen nahmen daran teil. Mit dieser Maßnahme wollte man etwas tun, um im Bedarfsfalle in der Familie bereit zu sein, oder auch nachbarliche Hilfe leisten zu können.
So wurde schon 1972 ein ernsthafter Versuch gemacht, eine Lösung zu finden. Es gab aber überall Bedenken, daß eine Vollkraft nicht zu finanzieren sei. Man musste zunächst eine tragbare Finanzgrundlage suchen. Es gab längere Verhandlungen 1973/74 zwischen der Kirchengemeinde und ihrer Aufsichtsbehörde einerseits und der bürgerlichen Gemeinde andererseits, die dann 1974 zu einem Abschluss führten.


Der Vertrag ermöglichte die Neubildung eines Krankenpflegevereins. Sein Inhalt stellt sich in Kürze so dar:

 

  • Der Träger der Krankenpflegestation ist die Kirchengemeinde.
  • Mitglied kann jeder Einwohner von Neckarwestheim werden.
  • Mitglied ist, wer den Jahresbeitrag bezahlt.
  • Die Station wird von einem Ausschuss geleitet.
  • Der Vorsitzende ist der jeweilige Ev. Ortsgeistliche, Stellvertreter der jeweilige Bürgermeister; 2 Vertreter des Kirchengemeinderats und 2 Vertreter des Gemeinderats gehören noch dazu.
  • Die Kosten für die Station werden durch die Beiträge der Mitglieder und durch die Kirchengemeinde und Gemeinde aufgebracht.
  • Die nicht gedeckten Kosten, also das jeweilige Defizit, wird von der Kirchengemeinde mit 33 1/3 % von der Gemeinde mit 66 2/3 % getragen.

Die notwendige Anstellung einer Schwester konnte 1974 noch geregelt werden. Frau Ute Wiedmann, hier wohnhaft und ausgebildete Krankenschwester, erklärte sich bereit, als Halbtagskraft die hiesige Krankenpflegestation zu übernehmen.


Nach Richtlinien und Vorgaben des Sozialministeriums und des Landratsamts, kam es zur Bildung einer Sozialstation mit Sitz in Lauffen. Zu ihrem Einzugsbereich gehört auch die Gemeinde Neckarwestheim. Mit dieser Maßnahme hat die Krankenpflegestation unseres Ortes einen neuen Rahmen erhalten. So bleibt nur zu hoffen, daß dies alles zu einer allgemeinen Verbesserung führt. Das wird sich nach einer gewissen Anlaufszeit erweisen müssen.“

 

1982-2012 Vom Krankenpflegeverein zum Krankenpflegeförderverein


Zusammengestellt nach Akten der Ev. Kirchengemeinde von Pfarrer Oliver Römisch


Im Zuge der Ausweitung der Aufgaben der Gemeindekrankenpflege wurde vom Land Baden-Württemberg in den 70er Jahren die Gründung von Sozialstationen verlangt. Als kleinstmöglicher gemeinsamer Nenner wurde damals im Bereich der jetzigen Diakoniestation Lauffen eine dezentrale Station eingerichtet, die aber Anfang der 90er Jahre an ihre Grenzen kam. Politische Vorgaben, strukturelle Notwendigkeiten und die Gewährleistung der Dienste machten eine zentralere Struktur notwendig.


Aus diesem Grund begannen Anfang der 90er Jahre Gespräche mit allen Beteiligten zu einer Neustrukturierung der Diakoniestation Lauffen. Diese wurde zum 01.01.1992 - bzw. mit dem in Kraft treten der Satzung zum 01.01.1994 - wirksam.


In der Folge war ab diesem Zeitpunkt die Diakonie-Sozialstation Lauffen-Neckarwestheim-Nordheim für Neckarwestheim zuständig. Dies entsprach dem Verwaltungsverband der bürgerlichen Gemeinden.


Zeitgleich wurde der bisherige Krankenpflegeverein Neckarwestheim in einen Förderverein umgewandelt. Die Aufgabe der Sicherung der Gemeindekrankenpflege liegt seit diesem Zeitpunkt bei der Diakoniestation.

 

Damit änderte sich auch die Aufgabe des Krankenpflegevereins grundlegend.

 

Seit 1992 ist es seine Aufgabe

 

  • die Gemeindekrankenpflege zu fördern,
  • den Gedanken des gegenseitigen Helfens zu verbreiten
  • und die Arbeit der Schwestern zu unterstützen
  • und die Diakonistation ideell und finanziell zu fördern.

Dieser veränderten Aufgabe entsprach auch, dass per Beschluss des Kirchengemeinderats der evang. Kirchengemeinde Neckarwestheim von 1999, der Name von Krankenpflegeverein in Krankenpflegeförderverein umgeändert wurde.

 

Im Jahre 2012 hat der Krankenpflegeförderverein Neckarwestheim etwa 124 Mitglieder, die mit ihrem Beitrag von 20 € im Jahr dazu beitragen, dass die Diakonie-Sozialstation ihre Arbeit auch über das staatlich finanzierte Maß hinaus leisten kann.


Nachwort
Eine große Frage und Herausforderung des Krankenpflegefördervereins im 21. Jahrhundert ist die Mitgliederzahl. Obwohl die Einwohnerzahl und der Reichtum in unserer Gemeinde Neckarwestheim über die 100 Jahre des Bestehens des Vereins gewachsen sind, sank in gleichem Maße die Bereitschaft Mitglied zu sein.


Waren etwa 1962 von den 1.422 Einwohner Neckarwestheims 315 Mitglied im Krankenpflegeförderverein, so waren es 1982 nur noch 250 bei 2.242 Einwohnern. Heute sind es bei ca. 3500 Einwohnern nur noch etwa 124 Personen!

 

Unterstützen sie deshalb den Krankenpflegeförderverein Neckarwestheim und werden sie Mitglied!

 

Bereits mit 20 € im Jahr können Sie dazu beitragen, dass Solidarität und Hilfe für ältere Menschen in unserem Ort nicht nur Geschichte ist, sondern lebendig bleibt; dass auch die Generationen nach uns noch sagen werden: „Auch diese haben für andere gesorgt, den Alten und Schwachen geholfen, und Nächstenliebe geübt.“

 

Wie Sie Mitglied werden können, und welche Vorteile Sie auch ganz persönlich davon haben, dazu finden Sie hier weitere Informationen.